Udo Lindenberg - Interview vom 21. Mai 2000
"Randale auf die Pedale"

"Panik-Udo" ist wieder da: "Der Exzessor" heißt das neue Album, mit dem
der unverwüstliche Erfinder des Deutschrocks Udo Lindenberg die Musikszene wieder einmal aufmischen möchte. Kurios: Gemeinsam mit seinem Bodyguard Eddy Kante legt Udo eine schräge Cover-Version von Heintjes Uralt-Schmalz-Nummer "Mama" hin ... Mit ZDF.online sprach Udo Lindenberg vor der Live-Sendung von "Traumstart" über seine neue Platte, seine zweite Liebe, die Malerei, und seine politischen Ambitionen für die Zukunft.


ZDF.online: Herr Lindenberg, in Ihrer Heimatstadt Gronau wird ein Rock- und Popmuseum gebaut, in dem Ihre Karriere besonders gewürdigt wird. Wie fühlt man sich, wenn man schon zu Lebzeiten eine Legende ist?

Udo Lindenberg: Witzig, easy. Aber in dem Museum geht es ja nicht nur um mich, sondern um deutschsprachigen Rock und Pop im allgemeinen. Eine der Wiegen stand in Gronau, aber auch in anderen Städten hat sich das entwickelt, zum Beispiel mit Rio Reiser. Mittlerweile gibt es ja viele, die auf Deutsch singen und Literatur vertonen.

ZDF.online: Waren Sie selbst mit an der Konzeption des Museums beteiligt?

Udo Lindenberg: Wir haben uns mal darüber unterhalten. Ich fand es wichtig, etwas für den Nachwuchs zu tun, und so ist es auch geplant: Es wird eine Bühne für junge Bands und Studios geben, und die Plattenfirmen werden das mit großer Aufmerksamkeit verfolgen, was da abgeht. Für den Nachwuchs wird in den Medien zu wenig gemacht, finde ich, das Radio spielt so etwas eher selten. Aber die ganzen HipHopper und Punker aus den Katakomben von Wuppertal-Elberfeld und Applerbeck müssen ja irgendwie am Start sein.

ZDF.online: Am 22. Mai erscheint Ihr neues Album "Der Exzessor". Ist der Titel eine Anspielung auf Ihren exzessiven Lebensstil?

Udo Lindenberg: Ja, exzessiv in allen Bereichen des Lebens, in der Kunst und mit der Band, so dass man's richtig auf die Spitze treibt und Grenzen überschreitet. Das passiert im Privatleben natürlich auch manchmal. Nicht unbedingt in Bezug auf Drogen, ich nehme ja keine - außer, dass ich gelegentlich mal einen saufe, das weiß ja jeder. Dann aber auch mal tagelang und scharf an der Kante.

ZDF.online: Was erwartet die Fans mit dem neuen Album?

Udo Lindenberg: Wir haben die Computer weg geschmissen und die Gitarren wieder ausgepackt. Und wir haben das wunderbare Panik-Orchester wieder am Start, um mal zu untertreiben: eine der besten Bands der Welt, die sind wirklich so was von radikal und exzessiv drauf. Es gibt also richtig ordentlichen Hardrock und dazu wunderbare Balladen, die wir mit den Streichern des Film-Orchesters Babelsberg aufgenommen haben. Und es sind exklusive Gäste dabei: Dorkas Kiefer und Eddy Kante, der sein Debüt mit dem "Mama"-Song gibt. Dann gibt's "Gegen den Strom, gegen den Wind", das dem Team Telekom gewidmet ist, Jan Ullrich, Erik Zabel und den anderen Jungs, damit die die Tour de France klarmachen. Die fahren dann mit Kopfhörern, hören den Song und der gibt ihnen ordentlich Wind in die Segel und Randale auf die Pedale. Außerdem haben wir Rüdiger Nehberg einen Song gewidmet, der sich für das Lebensrecht der Indianer am Amazonas einsetzt.

ZDF.online: Es heißt, Sie hätten Jan Ullrich auf Mallorca getroffen, und so sei die Idee zum Song "Gegen den Strom, gegen den Wind" entstanden...

Udo Lindenberg: Ja, das hat sich dann so entwickelt. Wir haben uns ein paar Mal getroffen, Jan ist sehr gut drauf, auch Erik und das ganze Team. Und sie mochten unsere Musik und haben dann irgendwann gesagt: "Okay, das ist jetzt unser Song." Während der Tour de France wird das Lied permanent als Trailer laufen.
"Fit machen für den Fall, Bundespräsident zu werden"
ZDF.online:
Noch mal zurück zu "Mama", dem gemeinsamen Song mit Eddy Kante. Wie kamen Sie auf die Idee, ausgerechnet ein Lied von Heintje zu covern?

Udo Lindenberg: Eddy wollte gerne Popstar werden, und plötzlich war die Idee da - ich glaube, sie kam sogar von Peter Maffay, den wir mal besucht haben. Dann haben wir das gemacht, und siehe da: Es funktionierte ganz gut. Und jetzt steht Eddy wahrscheinlich vor einer atemberaubenden Karriere ... Er bleibt aber trotzdem mein Bodyguard, das macht er ja schon seit 20 Jahren.

ZDF.online: Wie Sie eben schon sagten, haben Sie das Lied "I'm on my way" den Indios in Südamerika und Rüdiger Nehberg gewidmet. Wie haben Sie sich kennen gelernt?

Udo Lindenberg: Ich habe seine Bücher gelesen und Reportagen über ihn gesehen. Er ist hochengagiert, und so habe ich ihn einfach mal angerufen. Und er sagte: "Alter, ich wollte Dich auch immer schon mal anrufen." Dann habe ich ihn in der Nähe von Hamburg besucht, und er hat mir von seinen Abenteuern erzählt und was er noch alles vorhat. Jetzt plant er eine Aktion gegen die Beschneidung von Frauen, ein riesengroßes Projekt, und auch dabei werde ich ihn unterstützen.

ZDF.online: Sie waren bis vor kurzem mit großer Besetzung auf Tour, mit dem Panik-Orchester und dem Babelsberger Film-Orchester. Wird es weitere Konzerte geben?

Udo Lindenberg: Wir wollen im Sommer bei einigen Festivals spielen und werden zwei, drei Auftritte im Rahmen der Expo haben. Und im Oktober wollen wir dann wieder auf Tour gehen, weil der erste Teil so gigantisch gut gelaufen ist.

ZDF.online: Seit einigen Jahren ist die Malerei Ihr zweites künstlerisches Standbein. Ihre Werke wurden letztes Jahr in Weimar neben denen von Lukas Cranach und italienischen Meistern ausgestellt und von Künstlern wie Markus Lüpertz gewürdigt. Sind Sie stolz darauf, so viel Anerkennung dafür zu bekommen?

Udo Lindenberg: Ja, das finde ich gut. Beim Einstieg hat wohl mein Name sehr geholfen, aber der alleine würde es nicht bringen, wenn an den Bildern nicht was dran wäre und ich keinen Strich drauf hätte, der auch viele Experten anspricht. Diese Unbekümmertheit gibt es normalerweise fast gar nicht, weil Maler ihre Kunst ja eigentlich lernen und dann ganz anders malen.

ZDF.online: Sie haben ja bei Ihren "Likörellen" auch eine sehr eigene Technik, indem Sie die Bilder mit Alkohol übergießen ...

Udo Lindenberg: Ja, das ist eine weltweite Innovation, die an Bars entstanden ist. Ich habe entdeckt, dass man mit den bunten Cocktails und Likören auch malen kann. Neben den Acryl-Bildern und den "Blow Ups" kommen diese "Likörelle" sehr gut an. Und so hing dann bei der Ausstellung in Weimar neben einem Bild von Leonardo da Vinci oder Werken aus dem Privatbesitz von Goethe plötzlich eines vom kleinen Udo, das fand ich schon sehr erstaunlich.

ZDF.online: Welchem Feld werden Sie sich in Zukunft besonders widmen, der Musik oder der Malerei?

Udo Lindenberg: Beidem. Und dem Reisen: Ich möchte Kultur studieren und weltweit Menschen kennen lernen, auch im Hinblick auf meine künftigen kulturpolitischen Angelegenheiten, die weltweit ausgerichtet sind. Ich muss mich ja auch fit machen für den Fall, dass ich irgendwann Bundespräsident werde oder alternativer Bundespräsident. Manches an der Politik ist ja sehr langweilig in Deutschland, und junge Leute wenden sich angeödet ab. So gerät die Politik immer weiter in den Abwind, und dagegen muss man was tun.

ZDF.online: Sie könnten sich also ernsthaft vorstellen, Bundespräsident zu werden?

Udo Lindenberg: Ja, aber erst so in fünf Jahren. Ich bin ja noch so jung und muss noch ein bisschen reifen ...

[Zurück]     © 2000 by Thomas Sohn, erstellt am 9.11.2000