Udo Lindenberg - Interview vom 26. Oktober 2000

"Wir Musiker können nicht stillhalten!"


Harte, klare Worte gegen Rechts: Mit einem eindrucksvollen Appell der Künstler gegen rechte Gewalt in Deutschland eröffnet Udo Lindenberg die ZDF-Show "Fremde werden Freunde" zum Ende der EXPO 2000 in Hannover. Dieser Appell soll aber erst der Anfang gewesen sein, versichert der Musiker gegenüber ZDF.online.

ZDF.online: Einer der beiden Songs, die Sie in der Show präsentieren, ist ein etwas älteres Stück: "Denn sie brauchen keinen Führer" ist aus dem Jahr 1985. Was war das für ein Gefühl, für eine Situation, aus der heraus Sie diesen Song geschrieben haben?

Udo Lindenberg: Das ging ja damals schon los. Auch schon früher. Rechtsradikalismus ist leider ein Phänomen, das es schon lange gibt. Und es ist traurig, denn es eskaliert immer weiter. Der Song musste immer wieder kommen. Ich habe den Text aktualisiert. Er bezieht sich auf die jetzige, noch bedrohlichere Situation. Wir haben diesen Song jetzt also neu "ready" gemacht und bringen den im Rahmen dieser Show. Ich finde es toll, denn es ist eine Künstlerinitiative unter der Schirmherrschaft des niedersächsischen Ministerpräsidenten Sigmar Gabriel. Der war sehr flexibel, sehr schnell und er sagt: "Okay, das ist eine sehr gute Sache." Die EXPO ist ja auch ein Forum für Völkerverständigung, Freundschaft, Toleranz und ein Fenster zur Welt. Es passiert ja viel Fortschrittliches und Tolles in Deutschland, aber wir haben leider auch diese hässliche Seite: Die Brutalität von rechts außen, die immer schlimmer wird. Da können wir Musiker logischerweise auch nicht stillhalten. Deswegen wollen wir jetzt mit dieser Show hier von der EXPO starten, später aber auch weitermachen. Wir planen eine Tour "Rock gegen Rechts" und wollen die Leute antörnen mit ordentlicher Musik, mit geilen Bands, damit sie eine echte Alternative haben, aus ihrem brauen Radikal-Sumpf auszusteigen. Sie müssen ja nicht breit und dumpf irgendwelche Parolen in Kneipen ablabern. Sie können besser auf unsere Festivals kommen und sich am Rock'n'Roll erfreuen von diesen ganzen wunderbaren Hip-Hop-Bands, Funk-Bands und Dance und Rock. Wir wollen ihnen ein Zeichen geben: Kommt doch rüber zu uns. Und wir wollen auch den Leuten, die gegen Rechts sind und in schwierigen Gegenden leben, Mut machen und sagen: "Ihr seid nicht alleine. Die ganzen Bands stehen zu Euch." Deutschland, das steht ja für die "bunte Republik Deutschland". Wo Knalli Kultur ist, und wo man mit Leuten egal welcher Herkunft oder Hautfarbe zusammen Musik macht, zusammen lebt. So blickt Deutschland 2000 richtig schön tolerant und weltoffen nach vorne. ZDF.online: Können Sie schon mehr über die Tour sagen, oder steht das alles noch in den Sternen?

Udo Lindenberg: Wir haben die Hallen für Januar bereits gebucht. Wir werden es im Januar durchziehen, allerdings wissen wir noch nicht, mit welchen Bands. Ich kann nur sagen, praktisch alle Bands sind von dieser Idee sehr angetörnt und haben große Lust, mit dabei zu sein. Ich nehme an, dass wir unterschiedliche Besetzungen haben werden, und vielleicht gibt es in manchen kleineren Städten kleinere Konzerte mit regionalen Bands. Nach dem Motto: Überall können Festivals sein und überall kann man sich einschalten und irgendwie Gesicht und Haltung zeigen.

ZDF.online: Gibt es Schwerpunkte, wo Sie verstärkt auftreten wollen, zum Beispiel im Osten Deutschlands?

Udo Lindenberg: Wollen wir auch. Natürlich gibt es da irgendwie so ganz harte Gegenden. Da gibt es ja auch schon so genannte "national befreite Zonen". Da kann man ja kotzen bei so einem Begriff. Da gibt es "national befreite Städte" oder so, da sind dann keine Ausländer mehr, denn keiner traut sich mehr auf die Straße. So weit darf es in Deutschland wirklich nicht mehr kommen vor dem Hintergrund von brauner, grauer Vergangenheit und Gleichschritt-Marschiererei. Das wäre das totale Trauerspiel. Wir wollen also in diesen Brennpunkt-Städten unsere Konzerte machen, aber auch im Westen werden wir auftreten: Ruhrgebiet, Hamburg, München, überall. Zehn Tage zunächst mal.

ZDF.online: In der Sendung gibt es ganz krasse Worte von Ihnen gegen Rechts. Was ist Ihre Meinung zu Rechtsradikalismus in Deutschland?

Udo Lindenberg: Wir stehen zu dieser "bunten Republik Deutschland". Wir haben unsere Träume von einem absolut toleranten, weltoffenen Land. Wir werden uns diesen Traum nicht kaputt machen lassen und wir sehen es einfach nicht ein. Wir waren vielleicht eine Weile sprachlos und erschrocken, dann bekamen wir Wut. Dann kriegt man Mut. Wir lassen uns von diesen hirntoten Fremdenhassern doch nicht sagen, was in Deutschland abgeht. Denn das ist unser Deutschland, ein demokratisches, buntes Deutschland. Das nehme ich für uns in Anspruch. Und wir fordern, dass auch die Politiker, alle Instanzen, also Richter, Polizei, und eben auch beherzte Bürger überall gucken. Also nicht mehr weggucken, nicht mehr sich daran gewöhnen und damit leben, sondern dass irgendwie alle in eine Verantwortung einsteigen und sagen: "Wir haben doch dieses tolle Grundgesetz, da steht das ja alles drin. Das sind doch unsere Freunde, die hier leben in einem bunten Deutschland, und wir sind dazu da, unsere Freunde zu schützen und ein internationales, geiles Land aufzuziehen!"

Udo Lindenbergs Erklärung gegen Rechts
Aus Zeitgründen musste die eindrucksvolle Erklärung Udo Lindenbergs in der Sendung leider etwas gekürzt werden. Sehen Sie hier die ungeschnittene Version als RealVideo.


"Ein Virus geht um in Deutschland.
Rechtsradikal.
Von der Straße bis ins Internet.

Aber keine Panik.

Wir lassen uns doch nicht von irgendwelchen dahergelaufenen Idioten erzählen, was in Deutschland abgeht. Das ist doch unser Deutschland.

Die Leute in Leipzig und anderswo sind doch nicht auf die Straße gegangen für friedliche Revolution und Freiheit, um sich jetzt dafür diesen ganzen Nazischrott einzuhandeln.

Brennende Synagogen, tot geprügelte Afrikaner. Jeder, der anders ist, ist ein Feind.
Und auch Du kannst morgen schon dran sein.
Schluss damit!

Die bunte Republik Deutschland, das ist unser Traum.

Ein weltoffenes, supertolerantes Land: weltweite Freundschaft, bunte Vielfalt und Respekt vor dem Anderen.

Aber dieser Traum ist gefährdet.
Erschreckend viele Schwachsinnige, Ferngesteuerte, so Zombies aus der braunen Kloake der Vergangenheit, wollen mit immer brutalerer Gewalt diesen Traum verhindern.

Aber das wird keinem gelingen!

Fremde werden Freunde.
Rock gegen rechte Gewalt.
Dafür stehen wir hier heute auf der Bühne!

Und Ihr, liebe Leute, jeder ist gefordert, jeder kann mit seinem Mut 'ne ganze Menge bewegen.

Und zusammen ziehen wir das jetzt durch!"



[Zurück]     © 2000 by Thomas Sohn, erstellt am 9.11.2000