>Udo Lindenberg & Panik-Orchester

Udo Lindenberg Gesang (17.5.1946), Hannes Bauer Gitarre, Gesang (3.1.1952), Hendrik Schaper Keyboards, Synthesizer (23.4.1951), Jean-Jacques Kravetz Keyboards (30.5.1947), Steffi Stephan Bass (9.5.1947),Bertram Engel Schlagzeug

Udo Lindenberg, das "Fettauge in der westdeutschen Wassersuppe" (Wolf Biermann) begann seine musikalische Karriere im westfälischen Gronau, wo den Elfjährigen die "Oldtime-Jazzband" - "als Gag" (Lindenberg) - zum Trommeln engagierte. 1959 gründete er mit den Dixi Devils eine erste eigene Band. Ein Jahr später gewann er beim "Nordwestdeutschen Jazz-Jamboree" den 1. Preis als Schlagzeuger. Nach der Mittleren Reife wollte er einen "seriösen Beruf lernen" und begann mit einer Kellnerlehre, um sich auf die Position eines Schiffsstewards vorzubereiten. 1962 schloß er sich der halbprofessionellen Gruppe "Mister Adam's Jazzpaters" an und belegte zudem am Konservatorium Duisburg einen Jazzkursus. Mit einer Jazz-orientierten Tanzband zog Lindenberg zwischen 1963 und 1964 durch Frankreich und US-Militär-Clubs in Nordafrika. Durch "die Sauferei und das Rauchen völlig fertig" (Lindenberg) kehrte er nach Münster zurück, um dort noch einmal zur Musikschule zu gehen. Gleichzeitig schloß er sich der dortigen Tanz-Combo The Mustangs an. In jenen Tagen lernte er auch Carl G. "Steffi" Stephan und "Backi" Backhausen kennen. Letzterer spielte bei den Mayflowers.

Nach einem halbjährigen Bundeswehrabstecher trampte Udo Lindenberg am 13.12.1968 nach Hamburg, nahm zunächst Gelegenheitsjobs an (z.B. im "Blue Note") und wurde 1969 Mitglied der City Preachers. Anfang 1970 löste sich die Gruppe auf; Lindenberg: "Da war die Luft schon länger raus."

Weil er seinerzeit "auf dem Jazz-Trip" war, ließ er sich von einem Hamburger Jazzhaus sechs Monate lang als Haustrommler engagieren; zeitweilig wurde er auch von Michael Naura und Knut Kiesewetter beschäftigt.

Erste eigene Texte und Selbstkomponiertes brachte "Hamburgs größter Star seit Freddy Quinn und Hans Albers" (Hüllentext) auf der Jazz-Rock Platte "Free Orbit" unter. Auf der Platte - die u.a. mit Peter Herbolzheimer (Posaune) und Hans Hartmann (Bass, Sitar) entstand - singt Udo Lindenberg noch in englischer Sprache. Ende 1970 schloß sich Udo Lindenberg der Gruppe Emergency an, ab Mitte 1971 gehörte er zu der ersten Passport-Formation Doldingers. Im August 1971 nahm er mit Andy Marx (Gitarre), Steffi Stephan (Bass) und Helmut Franke (Gitarre) weitere - in englischer Sprache gesungene - Eigenkompositionen auf. Die "Lindenberg"-Platte "lief überhaupt nicht", so der Komponist, Texter, Sänger und Schlagzeuger, "und ich merkte, daß es nicht gut für mich war, englisch zu singen und zu schreiben, weil ich englisch gar nicht so gut konnte. Mir ist klar geworden, daß es viel besser ist, sich in der Sprache auszudrücken, die man beherrscht."

1972 trat Udo Lindenberg mit dem Keyboard-Spezialisten Jean-Jacques Kravetz, der Sängerin Hannelore Mogler, dem Bassisten Steffi Stephan und dem Gitarristen Thomas Kretschmer als "Kravetz & Lindenberg" auf. Im Sommer 1972 entstand "Daumen im Wind", die erste Lindenberg-Platte mit deutschen Texten. Lindenberg: "'ne richtige Valiumplatte. Zu der Zeit habe ich meditiert und so seltsame Sachen gemacht wie Yoga. Ich hab mich dann in den Zustand der Versenkung versetzt und hab gesungen." Immerhin brachte er damit "Deutschlands Schlagertext-Gefüge ins Wanken" (POP), denn "als erster deutscher Musiker löste er sich total vom 08/15-Klischee und spricht genau die Sprache seiner Generation." Mit Atlantis ging der Schlagzeuger Lindenberg im Februar / März 1973 auf Englandtournee, löste sich aber wieder von der Band Inga Rumpfs, denn er wollte eine eigene "Groove-Band haben, die losgeht und interessante Sounds bringt."

So erschien das im Juli 1973 produzierte Album "Alles klar auf der Andrea Doria" mit der Interpretenangabe "Udo Lindenberg & Das Panik-Orchester". Am meisten Beachtung fand allerdings, daß es "Udo Lindenberg gelungen ist, unartikuliertes Englisch durch schlichte deutsche Texte zu ersetzen, ohne daß sie billig, hausbacken oder peinlich wirken" (WELT AM SONNTAG). Die Lindenberg-Geschichten, "erzählt im trockenen Kellerjargon über sich und sein Milieu" (DER SPIEGEL), brachten ihm (für die Textzeile "Bei Onkel Pö spielt 'ne Rentnerband seit zwanzig Jahren Dixieland") in Hamburgs Szenenkneipe Freibier auf Lebenszeit und bei seiner Plattenfirma einen Fünfjahresvertrag mit einer Million Garantiesumme ein. Zu dem am 13. August 1973 aus der Taufe gehobenen Panik-Orchester gehörten der Bassist Stephan, die Pianist Gottfried Böttger, der Gitarrist Karl Allaut und die Saxofonistin Judith, eine ehemalige DDR-Berufsmusikerin. Im Herbst engagierte der Initiator den Schlagzeuger Backi Backhausen.

Vom 16. bis 26. Januar 1974 ging das Panik-Orchester auf Deutschlandtournee. Für die Maitournee wechselte der Bandchef das Saxofon aus: Für Judith wurde Olaf Kübler Orchester-Mitglied; nach einigen Wochen verzichtete Lindenberg jedoch endgültig auf Saxofonbegleitung. Zur Produktion seines vierten Soloalbums "Ball Pompös" erklärte er: "Ich laß das so strömen, gehobene Ambitionen habe ich nicht." Die Verkaufszahlen machten deutlich, daß er mit seiner eigenständigen Rockmusik den Nerv des Publikums traf. Die Herbsttournee des Panik-Orchesters wurde als "die heißeste und perfekteste Rock-Show des Jahres" (BRAVO) gepriesen. Für 100.000 verkaufte "Ball Pompös"-Alben wurde Udo Lindenberg mit einem Goldenen Gürtel bedacht. Beim Auftritt des Panik-Orchesters im neu eröffneten Münchner PN -Club verließ Gitarrist Karl Allaut die Bühne und wurde durch Helmut Franke und Thomas Kretschmer ersetzt. Zudem verbreiteten die dritten Fernseh-Programme "Pop 74", "Musik-Szene in Hamburg" und das ZDF in der Silvestershow Lindenberg-Songs.

Auch die 74er Pop-Poll-Ergebnisse standen im Zeichen der Lindenberg-Erfolge: Beim MUSIK EXPRESS belegte Udo Lindenberg in den Bereichen Vokalist, Schlagzeuger, vielversprechendster Solist und Komponist Platz 1, das Panik-Orchester wurde als beste Plattengruppe und vielversprechendste Gruppe eingestuft, Karl Allaut als Gitarrist Nr. eins, Steffi Stephan als Bassist Nr. eins, "Rudi Ratlos" als Single des Jahres und "Ball Pompös" als LP des Jahres gewählt.

Auf einer Frühjahrstournee durch 27 Städte stellte der "Straßenpoet und Musikartist" (Lindenberg) die Lieder seiner neuen Langspielplatte "Votan Wahnwitz" vor, deren "Proletensprache der Straße" (Lindenberg) genau ins Schwarze traf. Zudem sorgten ein "Disco"-Auftritt (24.5.75) und die von der ARD ausgestrahlte "Lindenberg-Show" (29.3.75) für gesteigerte Popularität des deutschen Rockstars. Für jeweils 250.000 verkaufte Exemplare der Alben "Votan Wahnwitz" und "Ball Pompös" erhielt Lindenberg am 13.6.75 zwei Goldene Schallplatten. Im Zuge des Lindenbergfiebers übernahmen viele deutsche Rockinterpreten Formulier- und Ausdrucksweise des Hamburgers, obwohl dieser erklärte: "Ein Glück, daß ich nicht singen kann."

Mit der Opernstimme Elli Pirelli, Geiger Rudi Ratlos, Pantomime Jack Ford und den neuen Musikern Keith Forsey (Schlagzeug) und Roger Hook (Gitarre) ging Lindenberg mit seinem Panik-Orchester im Herbst 1975 auf eine 30-Tage-Tournee durch Deutschland. Zum Repertoire gehörte das sechste Album "Galaxo Gang", das zwar in der Hörergunst ähnlich weit oben lag, wie die Vorgänger, aber kritisch kommentiert wurde: "Lindenberg plagiiert sich selber; seine mit Abstand schlechteste Platte" (STEREO). Registrierte die NEUE HANNOVERSCHE PRESSE, daß es "eine breite, offene Identifikation des Publikums mit Udo Lindenberg gab", beschrieb Gottfried Böttger, der sich Anfang '76 von der Panikband absetzte, den Orchesterchef als "einen Menschen, der seine Geschäfte auf dem Rücken von Unmündigen austrägt." Lindenbergs unverschlüsselte Song-Aussagen wurden verschiedentlich von Radio- und Fernsehstationen zensiert. So wurde die Textzeile "als dann die Damen seinen Samen nahmen" in den Fernsehsendungen "Lieder mit anderen Worten", "Hits A Gogo" und "Talkshow" geändert bzw. gekürzt gesendet.

Nach einem Zeitungsaufruf ("Ich suche eine Mädchenband") schickte die Frankfurterin Ulla Meinecke Probebänder nach Hamburg. Sie wurde später ebenso von Lindenberg produziert wie der Teenager Nissim und das Waldemar Wunder-Syndikat mit der - total verunglückten - Langspielplatte "I Maky You Feel Good".

Mit "Sister King Kong" erschien ein weiteres "Spitzenalbum" (POP) mit "Blabla-Progressivität" (SOUNDS). Lindenbergs konkrete Alltagsthemen wie der Schulverdruß in "Jenny" ("Weg, weg, abhauen, weg, ich mach 'ne Biege, ich mach 'ne Fliege") sorgten für Zünd- und Diskussionsstoff. Lindenberg: "Nach der kreativen Aufregung in den sechziger Jahren, nach der Rockrevolution und den Studentenunruhen, leben wir heute in einer ganz müden Zeit. Wenn ich versuche, ein bißchen frische Luft in die Szene zu pusten, will man mir gleich die Lunge amputieren."

Die "überbewerteste deutsche Rockgruppe" (76er Poll-Ergebnis der Zeitschrift MUSIKER) ging vom 8. Januar bis 5. Februar 1977 erneut auf Deutschland-Tournee. Vor 70.000 Besuchern (bei einem Umsatz von 1,4 Millionen Mark) sorgten Diaprojektionen, Elli Pirelli, der Transvestit Romy Haag, ein Liliputaner und diverse Personifizierungen der Song-Themen für "mehr Rockkabarett als Konzert" (Lindenberg). Das Panik-Orchester bestand aus Thomas Kretschmer (Gitarre), Steffi Stephan (Bass), Paul Vincent (Gitarre), Jean-Jacques Kravetz (Keyboards) und Bertram Engel (Schlagzeug). Im Mai 1977 absolvierte die Lindenberg-Crew einen England-Abstecher mit einem Promotion-Auftritt im "Sound Circus" und einem Fernsehgastspiel im "Old Grey Whistle Test". Die in England und Amerika veröffentlichte LP "No Panic" wurde ein Flop. Lindenberg vermutete: "Das lag wohl an der schlechten Übersetzung" (durch Michael Chapman).

Mitte 1977 stellte sich Udo Lindenberg mit dem Panik-Orchester neben Lake "schlapp und ausgebufft" (MUSIK EXPRESS) auf dem Nürnberger Open-Air-Festival vor. Ein Fernsehauftritt wurde am 17.10.1978 unter dem Titel "Rockstars unterm Himmelszelt" gesendet. In dem Album "Panische Nächte" kommentiert Deutschlands erfolgreichster Rockmusiker sein Starleben ("Mister Nobody"), geht harsch mit Heroin-Dealern ins Gericht ("Schneewitchen") und widmet dem deutschen Rock'n'Roll-Idol Ted Herold den Song "Teddi". Das Album landete auf Platz 31 der LP-Hitparade. Der Titel "Riki Masorati" kam auf Platz 4 der DDR-Hitparade und das DDR-Magazin NEUES LEBEN lobte den "klassischen Antityp zu den Schlagerschnulzen-Schönlingen der ZDF-Hitparaden".

Den "gigantischsten Aufwand, der je für eine Tour in Deutschland betrieben wurde" (Veranstalter Fritz Rau) erlebten Zehntausende zwischen dem 10. Januar und 28. Februar 1978 während der fünften Lindenberg-Tournee. Unter anderem gehörten zum Bühnen-Spektakel der Bläsersatz von Peter Herbolzheimer und die sogenannten deutschen Rockladies Ingeborg Thomsen (Rudolf Rock), Jutta Weinhold und Ulla Meinecke. Das Konzert in Höchst (14.2.) wurde vom Fernsehen aufgezeichnet und mit dem Titel "Panische Nächte" am 10. August 1978 vorgeführt. Die persönlichen Konzerttageseinnahmen von 20.000 Mark sparte der "Lumpenpoet mit Blechstimme" (STUTTGARTER NACHRICHTEN): "Meine zweite Million habe ich schon. Man kann in diesem Business meistens nur kurzfristig so viel einnehmen." Der "deutsche Rock'n'Roll-Meister aller Klassen" (BREMER NACHRICHTEN) wurde für seine Konzertvorstellungen bundesweit gelobt, wenn er auch bei Kennern mit Rock-Oldies wie "Sittin' On The Dock Of The Bay" "ins Brackwasser mittelmäßiger Kopien plumpste" (WELT).

Als "eine Art Tribut an meine älteren Rockbrüder" wollte Lindenberg die LP "Rock-Revue" verstanden wissen, auf der er seine eigene Rock'n'Roll-Vergangenheit aufarbeitet und Standards wie "Tutti Frutti", "Sweet Little Sixteen" und "Sympathy For The Devil" eindeutscht. "Seiner bislang besten LP" (STERN) liegt ein beispielhaftes Text- und Informationsheft bei. Daß Lindenberg inzwischen nicht nur ein Rock- und Teenager-Idol war, zeigte sich an den Verpflichtungen für die Fernsehsendungen "Bio's Bahnhof" (9.2.78), "Liedercircus" (7.7.78), "Plattenküche" (21.10.78), "Zwischenmahlzeit" (9.11.78), "Ein Tag in Herbst" (30.11.78) und "Rockpop" (29.12.78).

Kurz vor Weihnachten erschien mit dem Titel "Dröhnland Symphonie" eine "recht ernsthafte, aber nicht Udo's originellste LP" (MUSIK EXPRESS), die Deutschlands bislang aufwendigstes Rock-Bühnen-Spektakel ankündigte. Vom 19.1.79 bis 10.4.79 ging Lindenberg mit drei Sattelschleppern, 25 Tonnen Anlage und zwei Dutzend Darstellern auf Tournee durch größte Konzerthallen. (Allein in der Dortmunder Westfalenhalle waren 13.000 Besucher). Die optische Bühnenshow wurde von Theaterregisseur Peter Zadek inszeniert ("der Humor, den Udo besitzt, ist etwas, was ich bisher in Deutschland noch nicht gefunden habe. Er repräsentiert eine geradezu elektrisierende Mischung aus Naivität und Schizophrenie"), von Samy Molcho choreographiert und von dem Franzosen André Diot ins Licht gerückt. Neben dem Panik-Orchester mit Jean-Jacques Kravetz (Keyboards), Paul Vincent (Gitarre), Thomas Kretschmer (Gitarre), Steffi Stephan (Bass), Gepard Gloning (Saxofon), Nippy Noya (Percussion) und Bertram Engel (Schlagzeug) traten Ulla Meinecke, Ingeborg Thomsen und Eric Burdon auf. Zu dieser "Märchen-Rock-Revue" (ZEIT) gehörten noch allerlei Tänzer und Akteure, Rummel und Requisiten, so "viel Phantastisches jenseits des billigen Trotts, des bundesdeutschen Popbetriebs" (SÜDDEUTSCHE ZEITUNG), daß dem Initiator "die Emotionen der Jugend des Landes gehörten" (MELODY MAKER).

"Udo Giganto" (POP) zeigte aber auch, wie solch ein gigantisches und kostspieliges Unternehmen gewinnbringend zu vermarkten ist: Ende 1979 erschien im Fernsehen (22. und 29.12.) ein - schlampig gemachter - zweiteiliger Film unter dem Titel "So 'ne Tournee macht einen reichlich k.o.", der Stationen und Impressionen der Konzertreise festhielt. Am 11./12./13. Juli wurde im Hamburger Operettenhaus die Show noch einmal fürs Fernsehen aufgezeichnet - und am 5.1.80 gesendet. Als dritte Variante der Tourneeauswertung erschien noch 1979 das "Livehaftig"-Doppelalbum, mit dem man durch "einen Spitzensound eine der besten deutschen Live-Kapellen genießen kann" (MUSIK EXPRESS).

Udo Lindenberg machte sich "mit detektivischer Sorgfalt auf die Suche nach dem Amerika, das mir seit 20 Jahren im Kopf herumspukt". Das Ergebnis war die LP "Der Detektiv". Mit deutschen Versionen der Klassiker "Candle In The Wind", "My Little Town", "Born To Be Wild" und der Humphrey-Bogart-Reminiszenz "As Time Goes By" war Lindenberg offensichtlich überfordert. Thomas Kretschmer, Frank Diez (Gitarre), Jean-Jacques Kravetz, Joachim Kühn (Keyboards), Steffi Stephan, Dave King (Bass), Bertram Engel, Curt Cress (Schlagzeug) und Dieter Ahrendt (Schlagzeug) realisierten "eine sehr gebrochene Huldigung an das Land der nicht mehr ganz so unbegrenzten Möglichkeiten" (ZEIT), die "hoffnungslos anachronistisch" (SOUNDS) ausfiel. Mitte 1979 beteiligte sich Udo Lindenberg mit seinem Panik-Orchester am Frankfurter "Rock gegen Rechts"-Festival, am Rockfestival Pforzheim und am Loreley-Festival (Aug.).

Diese zahlreichen Aktivitäten und das sicherlich richtige Gefühl, ein Superstar zu sein ("Als Normalmann kann man nichts bringen. Die Verrückten machen es") zehrten offensichtlich an seinem Stehvermögen und führten zum exzessiven Alkoholkonsum. ("Das hat etwas Mörderisches - Krankenhaus, Tropf, Notärzte; das habe ich hinter mir").

Im Zuge der Selbstüberschätzung und wohl auch "um mir einen Traum zu erfüllen", begann Udo Lindenberg im November 1979 mit den Dreharbeiten am - weitgehend selbstfinanzierten - Film "Panische Zeiten". Der indiskutable Kino-Klamauk, mit einigen "dümmlichen und peinlichen Momenten" (SÜDDEUTSCHE ZEITUNG), kam brisanterweise am 18.4.1980 (im Bundestag-Wahljahr) in die Kinos. Denn in der Filmgeschichte (mit Leata Galloway, Walter Kohut, Vera Tschechova, Eddie Constantine, u.a.) spielt Lindenberg den Detektiv Coolman, der den Sänger Lindenberg sucht und findet, obwohl dieser wegen gesellschaftskritischer Äußerungen gekidnappt wurde.

Im cleveren Medienverbund erschien - synchron zum Filmstart - die gleichnamige Langspielplatte. Damit kehrte Lindenberg zu dem zurück, was er meisterhaft beherrscht: "Mit skurrilem Wortwitz und erfinderischen Sprüchen erzählt er in seinen Rocksongs davon, daß es Spaß macht, einen klaren Kopf zu behalten und sich nicht verdummen zu lassen" (SPIEGEL). "In dieser Scheindemokratie versuche ich politisches Bewußtsein etwas näher zu bringen", erklärte dieser und warnte vor den "Regierungs-Controlettis". Lindenbergs Popularität, gefördert durch Fernsehauftritte in "3 nach 9" (18.4.), "Sportstudio" (19.4.) und "Rockpop" (10.5.80) wurde demoskopisch ermittelt: Für 71% der Gesamtbevölkerung war er der bekannteste deutsche Rockinterpret. Das veranlaßte auch den BROCKHAUS, seine aktuelle Ausgabe um das Stichwort "Lindenberg" zu erweitern.

Im Frühjahr 1980 tourte die Lindenberg-Crew durch Holland, Österreich, Luxemburg, Frankreich, Dänemark und die Schweiz. Nachdem sich Paul Vincent und Thomas Kretschmer abgesetzt hatten, wurde Hannes Bauer (Bauer, Zapp & Dyke) neuer Lead-Gitarrist. Nach einem "Rockpop"-Auftritt (13.9.) ging die Lindenberg-Mannschaft unter dem Motto "Die Heizer kommen" mit US-Star Helen Schneider auf Deutschland-Tournee. Befreit von optischem Zierat machten bei 38 Konzerten "Udo und das Panik-Orchester tierische Power" (WESER KURIER) und sorgten für "die erfolgreichste Tournee seiner Laufbahn" (MUSIK EXPRESS).

Mit einer "Superpromotion und 16 Millionen Werbekontakten" (Anzeigentext) und TV-Unterstützung durch "Musicbox" (30.3.), "Rockpop" (13.4.), "5 nach 10" (14.4.), "Scheibenwischer" (23.4.) und "Auf los geht's los" (9.5.) brachte Teldec das Album "Udopia" im April 1981 in die Läden. Das in New York, Nassau und Hamburg produzierte Werk (u.a. mit Peter Hesslein, Gitarre), wurde "eine überzeugende Lindenberg-Platte" (STEREOPLAY), "erfrischend neu im Sound, erfreulich 'altbewährt' in den Wortspielen, weltweit aktuell, amüsant und stellenweise frecher, als es die Sender erlauben" (EXPRESS). Tatsächlich wurde der für die "Abendschau" des Bayerischen Fernsehens vorgesehene Song "Straßen-Fieber" wegen der Textzeile "In den Straßen steigt das Fieber. Und was verordnen sie? Schwere Knüppeltherapie gegen leichte Krawallerie" aus dem Programm genommen.

Zum Herbst 1981 veröffentlichte Udo Lindenberg (im SYNDIKAT-Verlag) die Bücher "Rock'n'Roll und Rebellion" (mit Maxi-Single) und "Das Textbuch" (mit allen bisherigen Song-Texten). "Als Motivation zur Friedensbewegung" (Lindenberg) entstand der im Duett mit Pascal, dem Sohn des Keyboarders Jean-Jacques Kravetz, gesungene Schlager "Wozu sind Kriege da?", der im Oktober 1981 bis auf Platz 18 der deutschen Single-Hitparade rückte.

Im Oktober / November 1981 zog Lindenberg mit dem Panik-Orchester zu einer neuen Tournee aus, die bei 27 Auftritten von 110.000 Besuchern erlebt wurde. Als Tournee-Bonbon präsentierte Udo Lindenberg Inga Rumpf mit Band und den Gitarristen Fritz Fetzer (alias Fritz Gröger, Message). Noch 1981 trat Lindenberg in "Rockpop" (7.9.) auf und unterschrieb einen weltweiten Vertrag (ohne BRD, Schweiz, Österreich) beim britischen Island-Label. Noch vor Jahresende erschien dort die EP "Berlin".

In seiner Heimat gab es nicht wenige, die Udo Lindenberg aufs Altenteil redeten. "Es ging mit ihm bergab", meinte die HAMBURGER MORGENPOST und das FACHBLATT war "Zeuge einer langsamen, aber stetigen Demontage". In dieser Phase unterschrieb "der Pate der Rockmusik" (MUSIK EXPRESS) bei der Deutschen Grammophon (Polydor), einen neuen 5-Jahres-Vertrag für eine Garantiesumme von etwa 6,5 Millionen Mark.

Zunächst erschien aber bei seiner alten Vertriebsfirma das Doppelalbum "Intensivstationen", das Live-Mitschnitte der 80er und 81er Tourneen enthält. Der darin enthaltene Song "No Future" ist im Zusammenhang mit einer Fernsehdokumentation zu sehen, die Udo Lindenberg unter dem Titel "No Future - oder doch?" fürs ZDF (Sendung am 12.1.82) realisierte.

Mit gewohnter TV-Unterstützung durch "Musicbox" (10.5.), "Lieder & Leute" (8.6.) und "Bananas" (29.6.) gelangte Udo Lindenbergs "Keule" (LP-Titel) in die Geschäfte. "Die in vieler Hinsicht experimentelle Scheibe" (Lindenberg) erwies sich als "sehr schlecht" (MUSIK EXPRESS) und markierte einen "stilistischen Tiefpunkt" (SOUNDS).

In neuer, alter Vitalität, Schnoddrigkeit und Bissigkeit präsentierte sich Udo Lindenberg auf dem ersten Polydor-Album "Odyssee", das neben Fremdkompositionen von Detlef Petersen (Lake), Karl Allaut und Hendrik Schaper (Elephant) Klassiker wie "Stompin' At The Savoy" und "Chattanooga Choo Choo" enthält. Letzterer Song erschien als "Sonderzug nach Pankow" auf Single und entwickelte sich zu einem Tophit (Platz 5 in den Single-Charts). Auch das Album sollte Lindenbergs erfolgreichste LP-Produktion werden: bereits ein Vierteljahr nach Veröffentlichung erhielt er für 250.000 verkaufte Alben eine Goldene Schallplatte.

Inmitten der "Grünen Raupe" (zu der auch Konstantin Wecker, Wolf Biermann, Spliff und Zeitgeist gehörten) ging Udo Lindenberg Mitte Februar 1983 auf Sympathiewerbung für die Grünen anläßlich der anstehenden Bundestagswahl. Am 26. Februar startete er mit dem Orchester eine 27-Tage-Tour, zu der als Gast Gianna Nannini gehörte. Erneut "huldigten die Fans uneingeschränkt ihr Idol" (WESTFALENPOST) und stellten fest, daß es "Vergleichbares in 'diesem unseren Land' nicht gibt" (MUSIKMARKT). "Während die Helden der Neuen Deutschen Welle müde sind, wird die Musik des Altrockers bejubelt", registrierte der STERN. Als Tournee-Extrakt folgte das Live-Album "Lindstärke 10". Zur "3. SFB-Rocknacht" am 3.9.1983 in der Berliner Waldbühne reiste - neben Gianna Nannini und Nina Hagen - auch Udo Lindenberg & Das Panik-Orchester an. Das abendfüllende Programm wurde live im Fernsehen übertragen.

Nach Udo Lindenberg "gibt es immer einige Sachen - wie die Aufrüstung - da muß man die Leute immer wieder darauf hinweisen." Es zeigte sich, daß er es nicht nur bei Erklärungen beließ, sondern sich auch aktiv in der Friedensbewegung engagierte. So beteiligte er sich am 82er Bochumer Friedensfest und - im September 1983 - an der Hamburger Veranstaltung "Künstler für den Frieden". In der Funktion des Pazifisten war er endlich auch in der DDR willkommen. Am 25. Oktober stand er mit Band auf der Bühne im Ostberliner "Palast der Republik" und sollte - wie auch Harry Belafonte - "einer drittklassigen Klampfer-Riege die bitter nötige Attraktion verleihen" (SPIEGEL). Immerhin: Der Lindenberg-Auftritt wurde auch im DDR-Fernsehen gezeigt. Der WDR bereitete den DDR-Auftritt zu einer Reportage auf, die am 26.10.83 über die Bildschirme lief.

[Zurück]     © 2000 by Thomas Sohn, erstellt am 9.11.2000