Lindenberg hofft auf die Kraft des HipHop und seine Wahl zum Bundespräsidenten

Es muß nicht immer Hamburg sein ... Rocklegende Udo Lindenberg hat mittlerweile einen Zweitwohnsitz. Die Weimarer wundern sich längst nicht mehr, wenn Udo mit Bratwurst oder auf dem Balkon des "Elephanten" erscheint. Im Nobel-Hotel nahm er sich 1998 die anrüchige Hitler-Suite und widmete sie durch Einzug um. Entspannung sucht er im Paterre beim Whisky an "einer der besten Bar der Welt" und beim Fingermalen mit 4 cl Blue Curaçao. MDR-Web-Reporter Henrik Wöhler traf ihn dort, kurz vorm Goethe-Happening am 28. August und seiner Likörelle-Vernissage im Schlossmuseum zu Weimar. Barmann Ulrich Brünicke stellte die Spirituosen bereit.

Udo, wie ensteht ein Likörell?

Wie ein Likörell entsteht ... Ulli kennt das ja schon, Ulli kennt das Procedere. Wir brauchen einen schönen großen Zettel, einen Filzstift, Farben...Ja, die Bilder entstehen halt so.
(An dieser Stelle greift Udo zum Blatt, malt sein Konterfei, gießt einen Schluck Jägermeister für den besseren Teint auf´s Porträt, ein wenig Curaçao für den lichtblauen Hintergrund und verwischt das Ganze mit den Fingern.) Obwohl, an dieser Bar gibt es praktisch alles, das ist nämlich eine der besten Bars der Welt und ich hab´schon viele Bars gesehen. So entstehen also Likörelle.

Du hast Deinen Koffer überall, nicht nur in Hamburg oder Berlin. Du reist viel herum. Warum bist Du so oft in Weimar? Ist doch eine etwas biedere Kleinstadt, wenn nicht gerade Kulturstadtjahr gefeiert wird, oder?

Na ja, mal ein bisschen gucken, was die Kollegen so gemacht haben vor ein paar hundert Jahren. Ich bin hier gern unterwegs und setz mich eben gern mal ran an´s Klavier von Franz Liszt oder an den Schreibtisch von Friedrich Schiller ... und natürlich Goethe, Nietzsche, Bach. ... und die ganze Architektur und was hier alles so war. Ja und die Geschichte dieser Stadt, die natürlich sehr braun und abgrundtief ohne Kopf ist, das Nazitum und so ... Hier kommt vieles zusammen, was deutsche Geschichte ausmacht. Und ich will hier ein paar Zeichen setzen, Zeichen für die Zukunft. Deswegen bin ich hier.

Du willst also die Stadt entrümpeln?

Ja, wir haben den braunen Spuk vertrieben, die bösen Geister rausgeschmissen. Die Hitler-Suite hier im Hotel "Elephant" ist jetzt die Lindenberg-Suite. Da hängen jetzt meine Bilder und die Schalmei von Honecker. Jetzt ist das eine sehr bunte Suite. Da kann man ein- und ausgehen, sonst könnte man ja nirgendwo mehr hin, die Nazis waren ja überall. Man muss neue Ideen an den Start bringen, einen neuen Aufbruch markieren.

Aber jeder Deiner Fans wird wohl nicht die Kleinigkeit von 750 Mark in der Hosentasche haben für eine Nacht in der Lindenberg-Suite?


Besichtigungen machen die, glaub ich, schon hier. Aber gut, vielleicht sollte es das öfter geben. Aber vorrangig ist das natürlich hier ein Hotel und kein Museum. Dafür gibt es jetzt meine Ausstellung in den Kunstsammlungen zu Weimar im Schlossmuseum. Da hängen ja nun für zwei Monate meine Bilder, und zwar sehr viele davon. Aber ich fänd´ es grundsätzlich natürlich basisdemokratisch gut, wenn hier in den "Elephanten" jeder zu jeder Zeit herein könnte ... Ein Hotel der Offenen Tür. Müssen wir mal mit der Hoteldirektion drüber sprechen.

Wie ist das eigentlich mit Deinen Fans, sind das noch die jungen wilden Ricky Maseratis, Bodo Ballermanns oder Toni Tornados von früher, oder machst Du jetzt Musik für die Generation, die sich zur Ruhe gesetzt hat und die Panik nur noch aus amerikanischen Katastrophenfilmen kennt?

Das wäre nicht gut, weil man muss sich öffnen für die Impulse, die von jungen Leuten kommen. Ich habe in meinem Beraterkreis viele 15- und 16-Jährige. Und ich bin auch sonst viel zusammen mit jungen Leuten.

Und was raten sie Udo?

Na ja zum Beispiel das, was ich jetzt auch mache, im Duett singen mit "Freundeskreis". Die HipHop-Szene in Deutschland, die ist zur Zeit ganz O.K. Da gibt es wieder gute Texte, Haltungen, die mir gefallen. Auch politische Sachen. HipHop ist eine interessante Bewegung. Und ansonsten find ich auch Spitze, dass die ein bisschen experimentell drauf sind.

Ansonsten ist es doch ziemlich ruhig geworden. Rock´n Roll ist tot. Gildo Horn singt "Piep, Piep, Piep, ich hab dich lieb". Früher hat man Songs von Dir auf den Index gesetzt, weil sie nicht politisch korrekt waren ...

Auch auf meiner letzten LP war ein Song, den die Sender nicht spielten, mit einem Text von Bertolt Brecht: "Die Verführung von Engeln". Nur weiß das nicht jeder. Die meisten Sender machen einen auf schlappe Sorte und spielen kritische Sachen nicht. Immer nur das gängige easy Zeug. Nicht das, was irgendwie anhakt und Provo macht, was ich schade finde. Die Sender müssten viel mehr die bunte Vielfalt der Gesellschaft widerspiegeln, auch über gewisse Texte. Diese ganze bunte Stilistik müsste man bieten und nicht die Einheitssoße, die man überall auf den Sendern hört.
Aber es gibt immer so Wellen. Zeiten, wo die Leute schlapp sind und Zeiten, in denen die Leute aufstehen und fordern. Ein paar Ansätze sehe ich zur Zeit im HipHop. Die machen gute Texte und mischen sich richtig ein, machen einen auf Provo und Randale. Ich hoffe sehr, dass sich das rumspricht. Zur Zeit aber leben wir in Schlappland.

Viele Künstler würden Freudensprünge machen, wenn sämtliche Fernsehanstalten und Zeitungen zur Vernissage kämen. Hältst Du den Rummel, der um Deine Likörelle gemacht wird, für angemessen?

Ich mache vorrangig Musik und Texte. Aber ich male eben auch, weil ich ein Universaltalent bin. Früher war ich schon ein Wunderkind am Schlagzeug. Jetzt bin ich ein Wundergreis mit der Malerei. Und wegen des Gesamtkunstwerkes kommen die Leute. Die interessieren sich für alles, was ich mache.
Klar fände ich es schön, wenn jeder künstlerisch tätig würde und die entsprechende Anerkennung bekäme, weil jeder Mensch - das hat ja schon Joseph Beuys gesagt - ein Künstler ist. Das wäre natürlich zu begrüßen. Aber das ist leider nicht so.

Was gibt es in Zukunft noch für Lindenberg? Wer oder was könnte Dich begeistern?

Da gibt es das Babelsberger Orchester, mit denen mach´ ich Songs von Brecht und Tucholsky. Wir touren weltweit, bis Shanghai. Ja, und irgendwann, wenn ich sechzig bin, will ich Bundespräsident werden. Denn ein Präsident, der das Volk vertritt, sollte nicht aus der Politik kommen, sondern aus der Kunst. Ich will mit dafür sorgen, dass ein Klima entsteht, in dem das ganze Fantastentum, das Neue Denken, die Spinner, die ja die Erfinder von Morgen sind, die Verrückten mehr Einfluss bekommt. Die sollten wir feiern in Deutschland. Gegen den Normalstreifen, der immer noch zu hart am Staat ist.

Glaubst Du, die Deutschen würden Udo wählen?

Nein, das glaube ich nicht. Da ist das deutsche Volk noch nicht reif genug. Aber sie haben ja auch noch sechs Jahre Zeit dafür!

Udo, Vielen Dank für das Gespräch!


[Zurück]     © 2000 by Thomas Sohn, erstellt am 9.11.2000